Ein Blogger gibt auf

Die gesellschaftliche Diskussion ums Urheberrecht wird immer heftiger geführt und die Fronten scheinen sich eher zu verhärten, als dass ein Konsens gefunden wird“, so beginnt ein Artikel auf der Webseite Rettet das Internet, “Fuck your Copyright bla bla bla”, in dem eine Teilung unserer Gesellschaft festgestellt wird. Und diese Teilung wird einmal ganz anders dargestellt (und wahrgenommen) als das sonst in der Diskussion zu diesem Thema oft passiert.

Die These des anonymen Autors lautet nämlich, dass der Graben in der Urheberrechtsdiskussion nicht zwischen kreativen Urhebern und “fiesen Kopier-Dieben” verlaufe, sondern zwischen Leuten, die wissen, wovon sie reden, und solchen, die keine Ahnung haben. Mit Letzteren sind wohl diejenigen gemeint, die das derzeit geltende Urheberrecht auch auf die Welt der Neuen Medien inkl. Internet anwenden. So jedenfalls verstehe ich die plakative und leicht verständliche Form der Darstellung, die die Macher von Rettet das Internet verwenden

Diejenigen, die keine Ahnung haben, unterlägen, heißt es, einem Mißverständnis bzw. ihren Vorurteilen. Und die Realität wird – wieder in Form von Thesen – so dargestellt:

  1. Kopieren sei kein Diebstahl
  2. Kopieren schade nicht den Urhebern und Erfindern
  3. Unterbinden bzw. Einschränkung des Austauschs von Wissen und Kreativität (durch einflussreiche Lobbys) schränke auch die Kreativität und Produktivität unserer Gesellschaft ein.

Das Fazit lautet, zusammengefasst: Unser Urheberrechtssystem sei extrem ungerecht und feudalistisch. Es funktioniere in den digitalen Medien nicht mehr. Ein neues, gerechteres Urheberrecht müsse her.

Und – was soll ich sagen – wenn ich auch dem Fazit nicht zustimmen kann: die drei Punkte, die Thesen über die Realität, sie treffen zu. Unter gewissen Umständen.

Ein Beispiel: Kopieren ist dann kein Diebstahl[1], wenn es zulässig ist. Das kann zum Beispiel die Privatkopie sein. Oder ein Zitat, auch ein großes. Solches Kopieren schadet auch weder Urhebern noch Erfindern.
Und was Wissen und Kreativität antrifft: Wissen auszutauschen und weiterzugeben ist die Grundlage der Entwicklung aller Kulturen der Menschheit.
Ich sehe nicht, dass es bei uns Lobbys gibt oder geben könnte, die dies verhindern oder auch nur einschränken könnten.
Und Kreativität an sich: die muss man selber haben. Man kann Anregungen weitergeben, Ideen – ja. Aber Kreativität weiter zu geben, wie soll das gehen?

Dennoch ist die These nicht falsch, aber vielleicht gehe ich an diese Fragestellung zu intellektuell heran. Das ist keine Arroganz; ich kann nicht anders. Ich sehe nicht, wie mit den Mitteln des Urheberrechts der Austauschs von Wissen und besonders der von Kreativität tatsächlich verhindert oder eingeschränkt werden könnte (außer das man z.B. Bücher bezahlen muss, heutzutage selbst das Ausleihen in der Bibliothek).

Wäre es möglich, dann wären tatsächlich Hopfen und Malz (aka Kreativität und Produktivität) verloren.

Und jetzt zum Thema

Ich will jetzt endlich zum eigentlichen Thema kommen. Nicht umsonst lautet der Titel dieses Textes “Ein Blogger gibt auf”.

Ein Blogger hat aufgegeben, das erfährt man, wenn man sich ein wenig auf Rettet das Internet umschaut. Auf einer Seite mit Beispielen zu Urheberrechtsverletzungen, Abmahnungen und Vertragsstrafen werden reale Fälle (teilweise mit Hintergrund-Infos versehen) vorgestellt. Fälle, die aus dem Leben gegriffen sind, und die Beispiele aus verschiedenen Bereichen der “Abmahnungs-Abzocke” vorstellen.

Und da ist auch die Rede von einem Blogger namens Marcel Bartels. Ein Blogger, der über Jahre gegen eine “Allianz gegen Presse- und Meinungsfreiheit” zu kämpfen hatte. Im Verlaufe eines Jahres, heißt es, bekam der Blogger sechs Abmahnungen (diverse Email-Abmahnungen nicht mitgezählt) – und inzwischen hat er das Bloggen und seine Seite, ehemals: Parteibuch-Lexikon (http://www.mein-parteibuch.de, später http://www.mein-parteibuch.com) – aufgegeben.

Screenshot der Bildnutzung auf www.mein-parteibuch.com (Stand 09.04.2011)

Screenshot der Bildnutzung

Nun werde ich mich outen: Auch ich habe den Blogger Marcel Bartels abgemahnt, weil er eines meiner Bilder in seinem Parteibuch-Lexikon verwandt hatte. Einfach so, ohne jeden Hinweis auf meine Urheberschaft.

Damals – im April 2011 – glaubte ich trotz erster Erfahrungen mit Bilderklau und der Notwendigkeit, sich dagegen zu wehren, noch an das Gute im Menschen und habe mich – wie in vielen weiteren Fällen – einfach nur mit einer E-Mail an ihn gewandt:

E-Mail vom 14. April 2011 an Marcel Bartels, aka Katzenfreund

Und noch am selben Tag hat Marcel Bartels reagiert; er hat ohne Diskussion meinen Wunsch erfüllt:

Man sieht, damals hatte ich noch nicht viel Ahnung von den Creative-Commons-Lizenzen, denn natürlich hätte beim Bild auch die Lizenz (in diesem Falle CC BY-SA-3.0 [oder auch GNU-Lizenz für freie Dokumentation]) mit angegeben werden müssen. Denn nur dann ist ja klar, dass das Bild auch gerne weiter verwendet werden darf – und wie. So habe ich also lediglich um Namensnennung (und eine Verlinkung) gebeten. Aus heutiger Sicht: Eine individuelle kostenlose Nutzungsgenehmigung.

Marcel Bartels hatte damals schon einige Erfahrungen mit berechtigten, unberechtigten und auch sehr abseitigen Abmahnungen, das konnte man damals noch auf seiner Seite nachlesen. Auch hier findet sich eine gekonnte Darstellung: Rolf Schälike auf http://www.buskeismus.de über den Fall Marcel Bartels.

Wie auch immer, für mich war die Sache erledigt, positiv erledigt. Schließlich war seine Reaktion vorbildlich. Leider hat er sich nicht per E-Mail gerührt, was mich gefreut hätte (jedenfalls ist von ihm keine E-Mail da, ich hoffe, dass ich nichts versehentlich gelöscht habe und hier etwas Falsches erzähle).

Das große Aber: er war einer von sehr Wenigen, die auf diese Weise reagiert haben. Nicht von selbst, aber auf meine Bitte hin dann doch, hat er nachträglich eine (aus meiner damaligen Sicht: korrekte) Urheberangabe an dem Bild angebracht. Er hat mich und meinen Wunsch weder ignoriert, noch mich mit einer unqualifizierten E-Mail oder irgendwelchen Belehrungen über die Allmende genervt.

Selbst mit dieser – ich hoffe, ich darf das so sagen: freundlichen – Art der Abmahnung[2] habe ich mehr als nur einige Male erleben müssen, dass von der jeweiligen Empfängerin (die männliche Form ist mit gemeint !) keinerlei Reaktion kommt.
Oder ich erfahre: “E-Mails an diese Adresse sind für mich Spam, die schaue ich nur alle halbe Jahre an, sorry!”. Wobei es sich um die E-Mail-Adresse gehandelt hatte, die im Impressum angegeben war!
Mal heißt es, dass es “technisch nicht möglich ist” die gewünschte Angabe vorzunehmen, mal wird sie schnell eingebaut und dann behauptet, sie sei bereits von Anfang an da gewesen (gerne im title-tag). Tja, sowas nervt.

Und heute muss ich sagen: auch die Sache mit meinem Bild bei Marcel Bartels war nicht so, dass man sagen könnte: OK, er hat was vergessen. Nein. Die Situation war ihm klar.

Denn da gab es auf einer Seite diese “Copyleft Notiz”, die ich jetzt erst in den damals von mir teilweise herunter geladenen HTML-Dateien gefunden habe:

Wenn jemand meine oben angegebenen Links verwendet, freue ich mich ganz besonders. Ansonsten kann jeder von ‘Mein Parteibuch’ klauen und zitieren wie er will. Ich freue mich natürlich, wenn der- oder diejenige dann wenigstens eine Quellenangabe und einen Backlink setzt. Wer will, kann natürlich auch die Prinzengarde vorher um Erlaubnis fragen, bevor er einen Link setzt.
Ich bin mit den gegenwärtigen restriktiven gesetzlichen Urheberrechtsbestimmungen nicht einverstanden. Um sie für diese Seite außer Kraft zu setzen, muß ich diesen Mist hier schreiben.
Deshalb sind alle Beiträge hier urheberrechtlich geschützt und geistiges Eigentum des Autors oder der Autorin und die Zusammenstellung als ganzes gehört mir. Die Autoren räumen jedermann das Recht ein, Ihre einzelnen Beiträge und Kommentare zu nutzen. Bedingung ist, dass jeder, der sich hier bei mir bedient, seinerseits ähnlich freizügig mit aus den übernommenen Inhalten komponierten Werken ist und mich nicht wegen der bei mir geklauten Inhalte verklagt.
Wer meine Beiträge klauen möchte und dabei auf dem Recht bestehen will, mich deswegen auch noch verklagen zu dürfen oder nicht ähnlich freizügig wie ich sein möchte und aus meinen Inhalten komponierte Werke mit einem restriktiven Copyright versehen möchte, soll sich an mich wenden, um eine kommerzielle Lizenz zu erwerben.
Kurzum: Ich mache keinen Ärger, wenn jemand Inhalte von Mein Parteibuch klaut, sondern freue mich über jeden Mirror. Ich kann und will allerdings nicht dafür garantieren, dass nicht irgendjemand anders Ärger macht, bei dem ich mich bedient habe oder der die Inhalte von Mein Parteibuch nicht mag oder gar für rechtswidrig hält.

Zitiert aus der Seite “Copyleft Notiz” auf http://www.mein-parteibuch.com, Autor: Marcel Bartels, Lizenz: “Jeder (kann) von ‘Mein Parteibuch’ klauen und zitieren wie er will”. Stand: 09.04.2011.

Hätte ich das damals bereits komplett zur Kenntnis genommen, hätte ich vielleicht anders reagiert. Denn hier wird ja ausdrücklich gesagt, dass jede/r auch mein Bild kopieren und weiter verbreiten darf. Da kein Autorenname an dem Bild genannt war, bestand also die Gefahr – oder sagen wir besser: die Möglichkeit -, dass es irgend jemand nimmt und dann etwa “Foto: Parteibuch-Lexikon” (oder ebenfalls gar nichts) angegeben hätte. Ganz harmlos und in bester Absicht.

Und Marcel Bartels hat das sogar in Kauf genommen: “Ich kann und will allerdings nicht dafür garantieren, dass nicht irgendjemand anders Ärger macht, bei dem ich mich bedient habe.” Dass er das so schreibt, liegt nun eben daran, das er mit den gegenwärtigen “restriktiven” gesetzlichen Urheberrechtsbestimmungen nicht einverstanden ist bzw. war.

Und damit gelingt mir sogar, jetzt wieder die Verbindung herzustellen zu den ersten Absätzen dieses Textes. Wie war das noch? “Es hat sich ein Graben aufgetan zwischen Leuten, die wissen, wovon sie reden, und solchen, die keine Ahnung haben.” Richtig: Es ist der Graben zwischen denjenigen, die das derzeit geltende Urheberrecht als existent und verbindlich akzeptieren (und zwar auch in der Welt der Neuen Medien inkl. Internet), und die sich auch darauf verlassen. Weil es einfach da ist.
Und auf der anderen Seite des Grabens sind die, die das anders sehen, und ein neues, “gerechteres” Urheberrecht wollen.

Und ich sage: sie sollen dafür kämpfen und sich ein Urheberrecht nach ihrem Gusto schaffen!
Nur: solange es das noch nicht gibt, müssen wir alle mit dem leben und zurecht kommen, was wir haben.

Und außerdem: Alles hängt mit allem zusammen.


  • [1] Bei Rettet das Internet legt man Wert darauf, eine “plakative, leicht verständliche Form der Darstellung gewählt” zu haben: “um den Durchschnittssurfer zu erreichen, und nicht nur Insider und Betroffene”. Und so wird das Wort Diebstahl dort im übertragenen Sinne, als Vergleich, benutzt. Denn natürlich “ist” Kopieren kein “Diebstahl”.
    Ich versuche hier, denselben Stil zu verwenden, und bitte das beim Lesen zu berücksichtigen.
    Das Kopieren an sich ist sicherlich kein “Diebstahl”, man kann es vielleicht nicht einmal wirklich damit vergleichen. Es kommt in meinen Augen doch sehr darauf an, was dann mit der Kopie gemacht wird. Und da wird der Vergleich dann unter gewissen Umständen auch statthaft.
  • [2] Auch eine freundliche E-Mail ist eine Abmahnung. Wenn auch vielleicht nicht im juristischen Sinne. Gut, hier fehlte die Androhung irgendwelcher Konsequenzen und es wurde auch keine Unterlassungserklärung gefordert. Das nicht. Aber es wurde die Einhaltung der Lizenzbedingung verlangt.
    Es fehlte hier auch die Angabe eines Datums, bis zu dem man erwartet, dass die Sache erledigt ist. Das kann natürlich sinnvoll sein, wenn man – und das muss man leider nach meinen Erfahrungen – damit rechnet, dass nicht reagiert wird.
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