Rainer Ostermann: ‘Freiheit für den Freistaat’

Freiheit für den Freistaat (Cover)

Freiheit für den Freistaat (Cover)

Freiheit für den Freistaat – Kleine Geschichte der bayerischen SPD

Herausgegeben von Rainer Ostermann.

Mit Beiträgen von Willy Albrecht, Hartmut Mehringer, Rainer Ostermann und Leo Hausleiter.

Vorwort: Renate Schmidt.

Erschienen im Juli 1994 im Klartext-Verlag, Essen.

Preis: 19,80 DM

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Seit der letzten Woche gibt es – rechtzeitig vor der Landtagswahl im Oktober – ein Buch, dass sich der bayerischen SPD und ihrer Geschichte widmet. “Freiheit für den Freistaat” ist der Titel der “Kleinen Geschichte der bayerischen SPD”.
Das Buch ist im Klartext-Verlag in Essen erschienen.

Alle Autoren sind Historiker: Willy Albrecht arbeitet bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn, Hartmut Mehringer beim Institut für Zeitgeschichte in München. Rainer Ostermann, gleichzeitig Herausgeber des Buches, ist freier Lektor und Publizist in München, und der Politologe Leo Hausleiter – hier ergibt sich eine gewisse Nähe zum beobachteten Objekt – Leo Hausleiter arbeitet im SPD-Bürgerbüro für den Wahlkampf des Landtagsabgeordneten Franz Maget.

Zum Buch. “Freiheit für den Freistaat” – der Titel weist bereits darauf hin, dass zur Geschichte der bayerischen SPD nicht nur die Entwicklung der Arbeiterbewegung zur Volkspartei gehört, sondern auch die politschen Erfolge – und Misserfolge – der Partei.

“Freiheit für den Freistaat” – das ist nach Ansicht der Autoren zu einem nicht geringen Teil der Tätigkeit der bayerischen SPD zu verdanken. Und so führt uns das Buch über die ersten Versuche zur Organisierung einer sozialdemokratischen Arbeiterbewegung in Bayern und das Entstehen einer eigenständigen bayerischen Sozialdemokratie bis zur Europawahl 1994.

Und dies in einer Kombination aus zeitlichem Ablauf und strukturiertem, thematischem Aufbau mit Einzelbeiträgen der Autoren:

Im ersten Beitrag über die Anfänge der Bewegung und Partei bis etwa 1920 lesen wir von Erfolgen der Reformpolitik in Bayern, über die “Legalisierung” der bayerischen Sozialdemokratie, über ihre ersten Wahlerfolge, von der Spaltung der SPD während des 1. Weltkrieges und über ihre Beteiligung an der Regierung.

Opposition, Widerstand und Wiederaufbau (also etwa die Zeit von 1920 bis 1946), sind ein weiterer wichtiger Teil des Buches. Ausführlich wird beschrieben, wie die SPD während der Nazizeit dem Regime entgegentrat und – zur Emigration gezwungen – auch vom Ausland aus den Widerstand der in Deutschland verbliebenen Kader unterstützte.

Die bayerische SPD in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg bis Ende der 80er Jahre, mit Beachtung der von ihr entscheidend geprägten bayerischen Verfassung und der Folgen, außerdem biographische Skizzen dreier wichtiger bayerischer SPD-Politiker – Wilhelm Hoegner, Waldemar von Knoeringen und Hans-Jochen Vogel – sind der dritte Teil des Buches.

Der letzte Teil – “Krise oder Aufbruch” – analysiert den Weg der SPD in Bayern von den Landtagswahlen 1990 bis zur Gegenwart und wagt einen knappen Ausblick, der vielleicht nicht jeder und jedem in der SPD gefallen wird: In landespolitischer Hinsicht, so heißt es, scheine die Option einer schwarz-roten Koalition als auch die Option einer Ampel-Koalition zu einem Wunschtraum geworden zu sein. “Bleibt der Freistaat eine Pfründe der CSU?” fragt uns das Buch.

Ein Wermutstropfen fällt bei der Lektüre auf: Die Geschichte der Frauen in der bayerischen SPD kommt nicht vor. Dass Frauen in der SPD sich bereits 1873 zu sogenannten “Bildungsvereinen” zusammenschlossen – politische Betätigung war Frauen damals verboten – muss man selber wissen. Auch die weitere Entwicklung kommt im Buch nicht zur Sprache. Die Frauen-Bildungsvereine wurden 1908 – nach der Vereins- und Parteienmündigkeit der Frauen – offiziell in die SPD übernommen.
Ein Aspekt der bayerischen SPD, der im Buch zumindest eine kleine Würdigung verdient hätte – genau wie der Anteil der Frauen am Widerstand gegen den Nationalsozialismus.
Der Umstand ist vielleicht sogar etwas peinlich, wenn man bedenkt, dass die bayerische SPD derzeit mit der ersten Landesvorsitzenden, nämlich Renate Schmidt, die absolute Mehrheit der CSU brechen will.

Dennoch ist diese historische Gesamtdarstellung der bayerischen SPD ein kompetentes und mit 230 Seiten ein kompaktes, auch als Nachschlagewerk verwendbares, Geschichts-Lesebuch. Durch ein ausführliches Literaturverzeichnis und ein Personenregister ist der Zugang sowohl zum Buch selbst, als auch zu weiterführenden Quellen erleichtert. Die strukturelle Geschichtsschreibung bleibt stets allgemein verständlich und lesbar, ist keine “wissenschaftliche” Geschichtsschreibung für Experten – auch kein populärwissenschaftliches Werk, das es an Tiefe vermissen ließe.

Das Buch “Freiheit für den Freistaat – Kleine Geschichte der bayerischen SPD” ist im Klartext-Verlag in Essen erschienen und in jeder Buchhandlung zu bekommen. Die Auflage beträgt nur 1.500 Stück, der Preis 19.80 DM.


1994-08-03-Magazin MC-Cover 300
Sprecherin: Nadine Kämmer
Moderation: Martin Graf

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