Weg mit den Schubladen!

Zehntausende Viertklässler in Bayern haben heute ihr Übertrittszeugnis erhalten. Der Notendurchschnitt in den Fächern Mathematik, Deutsch und Heimat- und Sachunterricht entscheidet, auf welche Schule ein Kind wechseln darf – und damit letztlich über dessen Zukunft.

Details dazu erzählt uns Michael Lucan, der heute die Pressekonferenz der GRÜNEN-Fraktion im Bayerischen Landtag zu diesem Thema besucht hat.

Symbolische Aktion der GRÜNEN gegen die Übertrittszeugnisse

Symbolische Aktion der GRÜNEN gegen die Übertrittszeugnisse: Weg mit den Schubladen!

Heute ist der große Tag. Es gibt Zeugnisse für die Viertklässler – zehntausende sind das – in Bayerns Schulen: Übertrittszeugnisse.
Diese Übertrittszeugnisse sind wichtig, denn die Durchschnittsnoten entscheiden darüber, ob die Schülerin oder der Schüler nunmehr das Gymnasium oder die Realschule besuchen darf, oder ob der weitere Weg auf die Mittelschule führt.

Der Notendurchschnitt in den Fächern Mathematik, Deutsch und Heimat- und Sachunterricht entscheidet. Nur mit 2,33 oder besser ist der Weg ins Gymnasium frei, bis 2,66 darf man die Realschule besuchen. Und wer das nicht geschafft hat, für den bleibt … die Mittelschule.

Auf diese Weise soll – folgt man der Bayerischen Staatsregierung – in Bayern eine “leistungsgerechte” Zuteilung von Schülerinnen und Schülern auf für sie geeignete Schularten sichergestellt werden. Und wer nur eine 3 als Durchschnittsnote vorweisen kann, der gehört demzufolge in die “Schublade” Mittelschule.

Schublade. Die Bayerischen Landtagsgrünen nennen diese zwingende Einteilung Schubladendenken und wollen damit Schluss machen. Und zwar auch mit Hilfe einer plakativen Aktion heute vormittag vor dem Eingang zum Kultusministerium. Dort hatten die GRÜNEN einen Schubladenberg aufgebaut … und Medienwirksam einstürzen lassen:

O-Ton (Bause) “Weg mit den Schubladen!!” [+ Geräusche]

Margarete Bause, Franktionsvorsitzende der GRÜNEN im Bayerischen Landtag erläutert, was mit der Aktion erreicht werden soll:

“Das ist nicht nur unsinnig und unnötig, sondern es ist auch ungerecht, in diesem frühen Alter Bildungszugänge zu öffnen oder zu schließen und deswegen sagen wir: Wir möchten, dass es auch in Bayern Schulen gibt, die die Möglichkeit haben, Kinder bis zur 10. Klasse gemeinsam zu unterrichten, mit unterschiedlichen Angeboten. Und dass danach es eben die Möglichkeit einer gymnasialen Oberstufe gibt, wie’s das in vielen anderen Bundesländern gibt. In Bayern wird das vom Kultusministerium aus ideologischen Gründen bisher verboten. Und wir sagen: Schluss mit den Schubladen! Im Sinne der Kinder und im Sinne einer guten Pädagogik.”

Beschriftung

Margarete Bause und Thomas Gehring nach der Schubladen-Aktion

Soweit sind wir aber noch nicht. Zur Zeit ist es so, dass der Gedanke an den weiteren Schulweg bereits in der 3. Klasse in den Köpfen der Schülerinnen und Schüler herumgeistert und – oft verstärkt durch die Eltern – Druck auf die Kinder erzeugt. Und nicht nur auf die Kinder.

“Die Kinder spüren diesen Druck, aber auch die Schulen. Und viele Grundschullehrerinnen erzählen, dass eigentlich die pädagogische Arbeit, die sie in der Grundschule machen über die ersten drei Jahre, eigentlich in der vierten Klasse in dieser Form nicht mehr möglich ist, weil alles fixiert ist auf dieses Zeugnis, auf dieses “Grundschul-Abitur”, auf dieses Übertrittzeugnis.”

Das sagte Thomas Gehring, der bildungspolitische Sprecher der Fraktion von Bündnis90/Die Grünen im Bayerischen Landag heute auf einer Pressekonferenz.

Dieser Druck hat natürlich Folgen. Denn – das muss man dazu sagen – die Übertrittszeuge und ihr Ergebnis: Gymnasium, Realschule oder Mittelschule sind bindend. Notendurchschnitt schlechter als 2,33: Der Weg ins Gymnasium ist versperrt.
In Bayern führt das zu einer besonders hohen Stressbelastung von Grundschülerinnen und Grundschülern. Das sagt eine aktuelle Studie der Julius-Maximillians-Universität Würzburg.

Die zitiert auch Thomas Gehring: “Sie sagen sogar, bei 16 % der Kinder, die sie untersucht haben, ist dieser Druck, dieses Empfinden von Druck so groß, dass es am Rande der Kindeswohl-Gefährdung sei. Und sie sagen auch, es macht einen sozialen Unterschied, aus welchen Familien man kommt. Also, Akademiker muten Ihren Kindern auch mehr Druck zu, diese Noten zu schaffen, als Nicht-Akademiker-Eltern.”

Die Bayerische Staatsregierung behauptet, dass mit diesem Übertrittsverfahren auf der Basis von Durchschnittsnoten der vierten Klasse die geeignete Schulart für jedes Kind gewählt wird, “passgenau”.

Margarete Bause: “Also, bei 10-jährigen Kindern kann man keine zuverlässige Prognose geben. Das sagen alle Untersuchungen, das sagt Ihnen jeder Lehrer und jede Lehrerin, die kleine Kinder unterrichtet. Da kann man überhaupt noch nicht wissen, wie sich ein Kind entwickelt. Es gibt manche, die brauchen länger, es gibt andere, die sind schneller, die sind aber genau so klug. Und man sieht ja auch die regionalen Unterschiede: In ländlichen Regionen z.B. in Niederbayern gehen sehr viel weniger Kinder aufs Gymnasium als z.B. in München oder im Speckgürtel in München.”

Woran liegt das eigentlich? Die höchste Gymnasialeignung ist mit 71,2 % im Einzugsbereich von München zu finden, die geringste in der Stadt Hof. ?

“Ja, dort liegt das natürlich auch an den langen Schulwegen, die fürs Gymnasium dann nötig und deswegen sagen wir: Lasst doch die Kinder in diesen Schulen gemeinsam unterrichten. Man hat ja heute die Möglichkeit unterschiedliche Angebote in einer Schule zu machen. Das würde im Übrigen auch viele Schulstandorte erhalten, die jetzt aufgeben müssen. Weil, wir haben immer weniger Kinder, grad am Land. Und die wenigen Kinder auf drei Schularten zu verteilen, führt dazu, dass wir viele Schulen schließen müssen. Das ist nicht im Sinne der Pädagogik, das ist nicht im Sinne des Erhalts der Schulstandorte, das ist nicht im Sinne der Kinder.”

Was aus Sicht der GRÜNEN eher im Sinne der Kinder ist, und was die GRÜNEN als Lösung anbieten erläutert genauer Thomas Gehring in seinem Fazit:

“Diese Aufteilung der Schülerinnen und Schüler nach der vierten Klasse mittels der Übertrittszeugnisse erzeugt großen Druck, ist pädagogisch schädlich, ist eine hohe Belastung für Kinder, für die Eltern und für die Grundschule, und geschieht nach Kriterien, die allenfalls als “scheinobjektiv” zu bezeichnen sind.

Da wird eine Eignung festgestellt nach Noten, aber es ist eben nur scheinobjektiv. Entscheidend ist vielmehr der soziale Hintergrund der Familien, die regionale Herkunft und das schulische Angebot vor Ort. Für das Feststellen dieser Eignung fürs Gymnasium oder für die Realschule oder für die Mittelstufe.

Wir reden also tatsächlich nicht von einem leistungsgerechten System, wo die Kinder nach der Leistung begabungsgerecht auf die entsprechende Schulart zugewiesen werden.

Deswegen sind unsere Forderungen: Abschaffung dieser verbindlichen Grundschul-Empfehlung und dieser Übertrittszeugnisse. Es muss ersetzt werden durch eine entsprechende Beratung der Eltern durch die Lehrkräfte, so dass die Eltern in letzter Instanz dann selber entscheiden. Ich sag’ immer, die Eltern mit akademischem Hintergrund, die heute Ihre Kinder aufs Gymnasium bringen wollen, schaffen das auch so. Aber dann bitte: beenden wir diese Farce und machen eine Elternentscheidung – aber nach ‘ner richtigen Beratung durch die Schule – ohne dass man sich schon nach der vierten Klasse entschieden haben muss.”

Soweit der bildungspolitische Sprecher der Frakion Bündnis90/DIE GRÜNEN, Thomas Gehring, zuletzt zu den Forderungen der GRÜNEN über die Regelung des Übertritts ins Gymnasium. Ein Beitrag von Michael Lucan.

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