Entlarvende Geschichte: ver.di am Pranger

Creative-Commons-Lizenzen sind ja bekannt. Das setze ich voraus. Und der Grundsatz der CC-Lizenzierung lautet: “Geben und Nehmen”. Das ist simpel, einfach zu beachten.
Motivation für Viele, ihr Werke so zu lizenzieren: Die Weiterverbreitung und die Namensnennung. Durchaus eine altruistische Haltung.
Die Vorteile sind unübersehbar. Wer immer will, kann sich bedienen aus dem großen Topf mit Creative-Commons lizenziertem Material. Die Gegenleistung: ‘automatische’ Weiterverbreitung (möglich durch die Angabe der Lizenz), ‘Werbung’ durch die Angabe des Urheber-Namens.

Verteidiger der freien Nutzung haben vor 2 Jahren einen besonders krassen Fall eines Verstoßes gegen die Bedingungen einer Creative-Commons-Lizenz öffentlich angeprangert, was ich erst in diesen Tagen bemerkt habe.
Da berichtet am 03.11.2010 David Pachali bei iRights.info über einem Artikel in der Nachrichtenrubrik auf verdi.de. Dieser Artikel hatte darüber informiert, dass der ver.di-Bundesvorstand ein Positionspapier beschlossen hatte: “Internet und Digitalisierung – Herausforderungen für die Zukunft des Urheberrechts”, so lautete der Titel des Papiers.
David Pachali hat das Papier gelesen und darin dies gefunden: “ver.di zollt Künstler/innen und Publizist/innen Respekt, die sich im Rahmen des Urheberpersönlichkeitsrechtes für das Modell kostenloser Lizenzen (Open Source oder Creative Commons) entscheiden“.

Aber ver.di hat einen Fehler gemacht: Zur Illustration des Artikels war ein Bild verwendet worden, dass unter einer Creative-Commons-Lizenz steht, und zwar unter CC BY-NC-ND. Lizenz nennen, Autoren nennen, keine kommerzielle Verwendung, keine Bearbeitung heißt das. Und ver.di? Tja, es handelte sich um eine Bearbeitung (ein Ausschnitt, genauer gesagt), und die Lizenz war nicht genannt worden. Am Bild stand nur: “Quelle: flickr.com/Pete Fletch”. Das ist nicht ausreichend, klar (und außerdem lautet der Name korrekt “Peter Fletcher”).

Ein gefundenes Fressen, nicht nur für den Autor David Pachali. Auch die Kommentare sind eindeutig: “Verdi nimmts mit der CC-Lizenz nicht so genau“, “eine verdi sehr schön entlarvende geschichte“, “Find es sehr schwach, dass ver.di das Bild runtergenommen hat und nicht zur Nutzung stehen will“.

Auch John Weitzmann von irights-law.de springt auf dieses Thema an und schreibt auf netzpolitik.org: “Was soll man nun von einer Gewerkschaft halten, die sich zum Thema Urheberrecht im Internet erst inhaltlich sehr weit aus dem Fenster lehnt, dabei sogar CC-Lizenzen behandelt (und schon im Positionspapier als reine Verschenklizenzen fehlinterpretiert), sie dann selbst in Anspruch nimmt und letztlich nicht mal richtig liest/anwendet?
Auch hierzu finden sich interessante – bis absurde – Kommentare, man lese nur Panzerschwein (angegebene Webseite: www.piratenpartei.de): “Also da wäre doch so eine richtige Abmahnung/Klage eine gute Sache !“. Doch insgesamt sind die Kommentare hier ausgewogen.

Was soll man nun von ver.di halten? Ich nehme kaum an, dass der- oder diejenige, die den Artikel auf der ver.di-Seite geschrieben hat, sich besonders mit Urheberrecht, mit den CC-Lizenzen und/oder dem ver.di-Positionspapier ausgekannt hat. Es wird, davon gehe ich mal aus, eine Meldung auf der Basis einer entsprechenden Info (Pressemeldung ?) des ver.di-Vorstands gewesen sein. Jedenfalls keine Demonstration von ver.di, wie die CC-Lizenzen praktisch umzusetzen sind. Und bei der Bebilderung des Artikels ist ein Fehler passiert.

Was mich so wundert, ist, dass hier – anders als in so vielen Fällen, in denen “unschuldige Blogger” CC-Lizenzbedingungen verletzen – plötzlich auf jeden Buchstaben der Lizenzbedingungen geschaut wird. Und man sich eben gerade nicht die Umstände anschaut – bzw. diese völlig verzerrt sieht.
Und vor allem: was Peter Fletcher, der Autor des verwendeten Bildes (ein Poster, das aus bunten, vergrößerten Pixeln und einem schwarzen Spruchband besteht) zu der Sache sagt, und ob er überhaupt etwas sagt, das wurde nicht eruiert. Wäre es mein Bild, ich würde mich ausdrücklich dagegen verwahren, für eine solche Diskussion instrumentalisiert zu werden.

Aber immerhin wird auch auf http://irights.info und https://netzpolitik.org ausdrücklich festgestellt: Nicht ausreichende Angaben, insbesondere die Lizenz nicht zu nennen, sind eine Verletzung der CC-Lizenzen. Das ist korrekt. Denn tatsächlich sind die CC-Lizenzen keine Verschenklizenzen. Das ver.di das übrigens tatsächlich so interpretiert hätte, ich kann es nicht nachvollziehen, und die Behauptung (s. oben) wird auch nicht belegt.

Nein, es sind Lizenzverletzer, die das oft behaupten. Sie, die gerade keinen Respekt zeigen vor den Künstlern, die sich für eine Creative-Commons-Lizenzierung entscheiden. Der Sinn der Lizenzen, so heißt es dann gerne, sei, dass der Urheber sein Werk Anderen zur Verfügung stelle, dafür jedoch ausrücklich auf eine Monetarisierung seines Werkes verzichte. Ein lizenziertes Werk sei durch die Lizenzierung gewissermaßen in der Allmende, für immer und ewig. Also: verschenkt![1]
Die Pflichten für die Verwender, z.B. Bildnutzer, also die durch Berufung auf die Lizenz vereinbarten Gegenleistungen, werden in diesem Zusammenhang gerne als zweitrangig betrachtet und auch so dargestellt. Zweitrangig sind sie nicht; und das ergibt sich auch aus den CC-Lizenzverträgen gerade nicht. Ganz im Gegenteil.
Dennoch: Die Lizenzbedingungen werden als etwas verstanden, das nur pro forma da steht. Etwas, das man eigentlich nicht zu beachten braucht.

Das Gegenteil ist richtig. Es ist ganz einfach und leicht zu verstehen: Material, das unter einer CC-Lizenz lizenziert ist, darf man untentgeltlich nutzen, WENN man die Lizenz (inkl. URL zum Vertragstext) UND den Namen des Urhebers angibt. Das gilt immer[2].

Und im Falle des og. Bildes von Peter Fletcher kann man es z.B. so richtig machen:
Democracy Pixels Poster von Peter Fletcher
Poster von Peter Fletcher, Lizenz: Creative-Commons BY-NC-ND, von flickr.com (backlink)

  • [1] Und weil es ja ohnehin verschenkt worden sei, bestehe im Falle einer Lizenzverletzung auch keine Schadenersatzpflicht. Ein Schaden sei ja nicht entstanden, “das Bild war doch kostenlos!”
    Hierüber kann man lange philosophieren. Es geht los mit der Frage, was “kostenlos” bzw. “unentgeltlich” in Bezug auf die CC-Linzenzen eigentlich bedeutet.
    Jedenfalls: Die Lizenz selbst sagt von sich, dass sie nicht gilt, wenn ihre Bedingungen nicht eingehalten werden. Wenn dieser Fall eintritt, gilt das Gesetz. Für den Lizenzverletzer ist das Bild dann kein CC-lizenziertes Bild mehr. Die Lizenz will nicht, dass Bilder geklaut werden, sie will die Nutzung unter ihren Bedingungen erlauben. Sie will gerade nicht diejenigen schützen, die sich nicht an ihre Bedingungen halten, sondern – man lese die Lizenz – in so einem Fall den Urheber. Und verweist selbst, ganz am Ende, auf die Geltung der allgemeinen Gesetze.
  • [2] Es gibt noch weitere Bedingungen. Nur als Beispiel zitiere ich hier aus der CC-Lizenz Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland bezüglich der Verbreitung von Abwandlungen (Abschnitt 4. Bedingungen, b): “Sie dürfen keine Vertrags- oder Nutzungsbedingungen anbieten oder fordern, die die Bedingungen der verwendbaren Lizenz oder die durch sie gewährten Rechte beschränken.” und “Bei jeder Abwandlung, die Sie verbreiten oder öffentlich zeigen, müssen Sie alle Hinweise auf die verwendbare Lizenz und den Haftungsausschluss unverändert lassen.”

  • Kleine Ergänzungen vorgenommen am 27.01.2013/ml
    Leicht überarbeitet am 06.08.2013/ml, 03.06.2015/ml
    Auf lucan.de übernommen 21.08.2015/ml

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