Noch Ende Oktober konnten sich Nürnbergs Schwule Hoffnungen auf ein schwules Radioprogramm machen. Die SCHWULE WELLE, Programmbestandteil von RADIO Z, einem neuen, alternativen Privatsender in Nürnberg, sollte ab dem 1. November auf der Frequenz 95,8 Mhz auf Sendung gehen.

Doch der Medienrat, das Gremium in der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien (BLM), das über über die Zulassung von Privatradios entscheidet, zog die Notbremse: Bei einem schwulen Programm, so hieß es könne „nicht ausgeschlossen werden, dass Belange des Jugendschutzes berührt werden“. Wollte doch eine SCHWULE WELLE, noch dazu im Vorabendprogramm – von 17:00 bis 18:00 Uhr, ein schwules Magazin senden.
Vorabendprogramm, schwules Magazin? Das konnte nicht gut gehen. Und obwohl das von der SCHWULEN WELLE vorgelegte Konzept für diese Sendung jede Deutung in Richtung „Jugendgefährdung“ ausschließt, und obwohl nur sehr Böswillige von einer Tendenz dorthin ausgehen können, wurde RADIO Z von der BLM die Pistole auf die Brust gesetzt:
“Eine Zulassung von RADIO Z in dem Programmversuch kann (nur) erfolgen, wenn vor einer Genehmigung, neben den allgemeinen medienrechtlichen Anforderungen, die Voraussetzungen erfüllt sind, dass a) der Grundsatzausschuss aufgrund neuer Vorlagen die Bedenken der Finanzierung durch Parteien oder die öffentliche Hand ausräumt“, und das “b) während der Versuchsphase einem Vorabendmagazin der Zielgruppe ‘Schwule’“ – Schwule in Anführungszeichen – “keine Sendezeit eingeräumt wird“.
Da die Redaktion der SCHWULEN WELLE natürlich nicht freiwillig auf ihr Magazin verzichten wolle, enschied RADIO Z, ein Zusammenschluss verschiedener Organisationen wie zum Beispiel der Mütter gegen Atomkraft oder die Selbstverwaltung des Jugendzentrumss KOMM, mehrheitlich, in dem zunächst für die gesamte Frequenz genehmigten dreimonatigen Probelauf die SCHWULE WELLE zu suspendieren. Schon allein, um überhaupt alternative Inhalte über den Sender bringen zu können, musste dieser Entschluss sein und ist RADIO Z nicht vorzuwerfen. Seit Anfang Dezember ist RADIO Z nun in Nürnberg täglich von 17:00 Uhr bis 20:00 Uhr zu empfangen.
Der Medienrat aber hat – neben der Beanstandung einer teilweisen Vorfinanzierung durch die GRÜNEN (Punkt a im eben zitierten BLM-Papier) – bereits im Vorfeld ein schwules Radioprogramm als möglicherweise jugendgefährdend abgestempelt.

Tatsache ist aber, dass sich die SCHWULE WELLE gesellschaftliche Aufklärung als Ziel gesetzt hat: „Abbau von Diskriminierung, schwules Selbstverständnis und Information im Rahmen einer Magazinsendung“, heißt es in einem Papier der Redaktion.
Dass die Belange des Jugendschutzes durch ein schwules Radioprogramm kaum berührt werden dürften, ist offensichtlich. Dieser Grund ist für die Ablehnung eines schwulen Radioprogramms nur vorgeschoben worden. Er liegt allerdings im Trend der Diskriminierung von Schwulen, der zur Zeit wieder zunimmt, hier durch die Weigerung, schwule Meinungsfreiheit im Radio zuzulassen.
Man denke nur an die „Ausdünnung von Randgruppen“, die Hans Zehetmair, Kultusminister der Bayerischen Staatsregierung, vor wenigen Monaten vorschlug.
Doch die SCHWULE WELLE gibt natürlich nicht auf. Nach einer nur mäßig erfolgreichen Pressekonferenz der Redaktion verfasste das Forum der Nürnberger Schwulengruppen eine Resolution. Als Aufruf zur Unterstützung wurde sie inzwischen vielen Gruppierungen und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zu Unterzeichnung vorgelegt und wird hoffentlich nicht erfolglos bleiben. Die SCHWULE WELLE hofft, nach der dreimonatigen Testphase doch noch zum Zug kommen zu können.
Interessant an der Entscheidung des Medienrates, der sich aus Vertretern von Parteien, der Kirchen, von Verbänden usw. – sogenannter „gesellschaftlich relevanter Gruppen“ – zusammensetzt, ist ein Satz der während der Diskussion über die Zulassung von RADIO Z in eben diesem Gremium sinngemäß gefallen ist: „Warum sollen wir denn ein schwules Programm zulassen, es sitzt doch auch kein Homosexueller im Medienrat!“
Richtig, es sitzt tatsächlich kein Vertreter der Homosexuellen im Medienrat. Ob aber wirklich niemand schwul ist unter den nahezu fünfzig Damen und Herren des Medienrates?
Erschienen in Südwind 1/1988 und als Demo-Hörfunkbeitrag für die Radio-Initiative LORA München.