»Schwule Welle« in Nürnberg verboten!

Noch Ende Oktober konnten sich Nürnbergs Schwule Hoff­nungen auf ein schwules Ra­dio­­programm machen. Die SCHWU­LE WELLE, Programmbestandteil von RA­DIO Z, einem neuen, alternativen Privatsender in Nürnberg, sollte ab dem 1. No­vem­ber auf der Fre­quenz 95,8 Mhz auf Sendung gehen.

Originalmanuskript von 1987 (PDF)

Doch der Medienrat, das Gremium in der Bayerischen Lan­de­szentrale für Neue Medien (BLM), das über über die Zu­lassung von Privatradios ent­scheidet, zog die Not­bremse: Bei einem schwulen Programm, so hieß es könne „nicht ausgeschlossen werden, dass Be­lange des Jugend­schutzes berührt werden“. Wollte doch eine SCHWULE WELLE, noch dazu im Vorabendprogramm – von 17:00 bis 18:00 Uhr, ein schwules Magazin senden.

Vorabendprogramm, schwules Magazin? Das konnte nicht gut gehen. Und ob­wohl das von der SCHWU­LEN WELLE vorgelegte Konzept für diese Sendung jede Deutung in Richtung „Jugendgefährdung“ ausschließt, und obwohl nur sehr Böswillige von einer Tendenz dorthin ausgehen können, wurde RA­DIO Z von der BLM die Pistole auf die Brust gesetzt:
Eine Zulassung von RA­DIO Z in dem Programm­versuch kann (nur) er­folgen, wenn vor einer Ge­nehmigung, neben den all­ge­meinen medien­recht­lichen An­forderungen, die Voraussetzungen erfüllt sind, dass a) der Grundsatzausschuss aufgrund neuer Vorlagen die Bedenken der Fi­nanzierung durch Par­teien oder die öffentliche Hand ausräumt“, und das “b) während der Ver­suchs­phase einem Vorabendmagazin der Zielgruppe ‘Schwule’“ – Schwule in Anführungszeichen – “keine Sendezeit eingeräumt wird“.

Da die Redaktion der SCHWU­LEN WELLE na­türlich nicht freiwillig auf ihr Ma­ga­zin ver­zichten wolle, enschied RA­DIO Z, ein Zu­sammen­schluss ver­schie­den­er Or­ganisationen wie zum Beispiel der Mütter gegen Atomkraft oder die Selbst­­ver­­waltung des Ju­­gendzentrumss KOMM, mehrheitlich, in dem zu­nächst für die gesamte Frequenz ge­­nehmigten drei­­monatigen Pro­be­­lauf die SCHWU­LE WEL­LE zu sus­­­pendieren. Schon al­­lein, um überhaupt alternative Inhalte über den Sender bringen zu können, musste dieser Entschluss sein und ist RA­DIO Z nicht vorzuwerfen. Seit Anfang Dezember ist RA­DIO Z nun in Nürn­berg täglich von 17:00 Uhr bis 20:00 Uhr zu empfangen.

Der Medienrat aber hat – neben der Be­­anstandung einer teilweisen Vor­­fi­nan­zier­ung durch die GRÜNEN (Punkt a im eben zitierten BLM-Papier) – b­e­reits im Vorfeld ein schwules Radio­programm als möglicherweise jugend­ge­fährdend ab­gestempelt.

Druckfassung (Südwind 1/88) (PDF)

Tatsache ist aber, dass sich die SCHWU­LE WELLE ge­­sell­schaft­liche Auf­klärung als Ziel ge­setzt hat: „Abbau von Dis­kri­minier­ung, schwules Selbst­­verständnis und In­fo­rmation im Rahmen einer Magazinsendung“, heißt es in einem Papier der Re­daktion.

Dass die Belange des Jugendschutzes durch ein schwules Radio­programm kaum berührt werden dürf­ten, ist of­fen­sicht­lich. Dieser Grund ist für die Ab­­lehnung eines schwulen Radioprogramms nur vorgeschoben worden. Er liegt aller­dings im Trend der Dis­­kri­mi­nier­ung von Schwu­len, der zur Zeit wieder zunimmt, hier durch die Weigerung, schwule Mei­nungs­frei­heit im Radio zuzulassen.
Man denke nur an die „Ausdünnung von Randgruppen“, die Hans Zehet­mair, Kultus­minister der Bayer­ischen Staats­re­gierung, vor wenigen Mo­naten vor­schlug.

Doch die SCHWU­LE WELLE gibt natürlich nicht auf. Nach einer nur mäßig erfolgreichen Pres­se­­konferenz der Re­daktion verfasste das Forum der Nürn­berger Schwu­len­gruppen eine Resolution. Als Aufruf zur Unter­stützung wurde sie in­zwischen vielen Gruppierung­en und Per­sönlichkeiten des öffentlichen Le­bens zu Un­ter­zeichnung vorgelegt und wird hoffentlich nicht erfolglos bleiben. Die SCHWU­LE WELLE hofft, nach der drei­monatigen Test­phase doch noch zum Zug kom­men zu kön­nen.

Interessant an der Entscheidung des Medienrates, der sich aus Ver­­tretern von Par­teien, der Kir­chen, von Ver­bänden usw. – so­­genannter „ge­sellschaftlich re­­le­­vanter Grup­pen“ – zusammensetzt, ist ein Satz der während der Dis­kussion über die Zu­lassung von RA­DIO Z in eben diesem Gre­mium sinngemäß gefallen ist: „Warum sollen wir denn ein schwu­les Pro­gramm zulassen, es sitzt doch auch kein Ho­mo­se­xu­el­ler im Me­dienrat!

Richtig, es sitzt tatsächlich kein Vertreter der Ho­mosexuel­len im Me­die­n­rat. Ob aber wirklich niemand schwul ist unter den nahezu fünf­zig Damen und Herren des Medienrates?

Erschienen in Südwind 1/1988 und als Demo-Hörfunkbeitrag für die Radio-Initiative LORA München.